Interview mit Peter Gerfen: Strategien gegen Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen

Ich freue mich sehr, dass sich Personal-Fitness-Trainer und Buchautor Peter Gerfen zu einem spannenden Interview für meinen Blog bereit erklärt hat. Im Kindesalter wird der Grundstein für die Gesundheit gelegt. Mir liegt es sehr am Herzen, dass Kinder zu mehr abwechslungsreicher Bewegung und gesunder Ernährung animiert werden. Peter Gerfen erzählt uns von seinen persönlichen Erfahrungen zu dem Thema.

Mehr zu seinem Buch "Kinder in Bewegung" erfährst du unten!


Zu Peter Gerfen: Nach Ende seines Sportstudiums begann seine Karriere als Personal-Fitness-Trainer. Heute ist Gerfen einer der gefragtesten Fitnesstrainer in Deutschland. Er konzipiert Präventionskurse für Krankenkassen und schreibt Sachbücher zu den Themen Motivation, Training und Ernährung. Als „Brave Speaker“ tritt Gerfen auf nationalen und internationalen Veranstaltungen als Redner und Mutmacher auf.

Mit seinem Kindersportcamp, einem Herzensprojekt, ist der zweifache Familienvater in vielen Städten als Bewegungsbotschafter unterwegs.


Als Vater und Vorbild – Peter Gerfen mit Sohn Jarno


Peter, statistischen Erhebungen zufolge wird ein immer stärker werdender Bewegungsmangel bei Kindern deutlich. Und du hast zu dem Thema sogar ein Buch geschrieben. Weshalb ist dir das Thema so wichtig?


Als Vater von zwei Kindern (4 und 9 Jahre) liegt mir das Thema natürlich sehr am Herzen. In den letzten 10 Jahren habe ich unzählige Kindersportcamps organisiert und geleitet. Von daher war das Thema auch beruflich immer sehr präsent. Für das Buch habe ich mir Verstärkung geholt. Zusammen mit einem Team aus Ärzten, Psychologen, Professoren und Doktoren aus Bewegungs- und Sportwissenschaft beleuchte ich in meinem Buch den Dschungel aus Empfehlungen und Ratgebern, die es so zahlreich auf dem Markt gibt.


Trainer Team Kindersportcamp - Gerfens Kindersportcamps sind polysportiv ausgerichtet - Kinder lernen viele Sportarten kennen


Wo sind Deiner Meinung nach die Gründe zu suchen, dass Kinder sich weniger bewegen?


In unserem Buch stehen Eltern in der Vorbildfunktion gegenüber ihren Kindern sehr im Fokus. In unseren Augen besteht hier noch sehr viel Luft nach oben.

Darf ich dazu eine kleine Geschichte erzählen?



Ja, sehr gerne!


Vor kurzem entwickelte sich folgender Dialog mit meinem jüngsten Sohn Jan (4 Jahre).

„Papa, gehst du heute wieder in den Wald arbeiten?“ Der Papa ist jedoch kein Forstarbeiter, wie man bei der Frage vermuten könnte, sondern ein Personal-Fitness-Trainer, der mit seinen Kunden die Vorzüge eines Bewegungsprogramms in der Natur genießt.

„Ja, ich bin heute im Wald. Aber ich verspreche dir, dass wir morgen, wenn ich frei habe, wieder zusammen in den Wald gehen.“

Seitdem ich meinen kleinen vierjährigen Sohn Jan auf eine „Joggingrunde“ im Wald mitgenommen habe, ist die Begeisterung bei ihm groß. Im Wald zu laufen, ist Spannung pur. Schmale Wege, gesäumt von Wurzeln und abgefallenen Ästen, dunkle, „unheimliche“ Passagen und steile Hänge zum schnellen Hinablaufen.

Auch wenn diese „Laufrunde“ mit ihm nur ein paar Minuten dauert, wechseln sich Belastungs- und Entspannungsphasen kindgerecht ab. Er liebt es und hat einen Riesenspaß.

Der Papa macht und lebt vor, der Kleine findet Gefallen daran und ahmt es nach.

Der erste Schritt, die Initialzündung des Verhaltens (sowohl bei der Ernährung als auch bei der Bewegung), wird also durch die Eltern getätigt. Dies geschieht aber in der Regel nur, wenn dieses Verhalten zu Hause vorgelebt wird, was heißen soll, dass sich Eltern ihrer Verantwortung bewusst sein müssen und sich schon nach der Geburt des Kindes genau überlegen sollten, welche Art von Eltern sie sein möchten. Ihre Verhaltensweisen werden ab einem bestimmten Alter genau beobachtet und imitiert.



Danke, das klingt einleuchtend. Aber was läuft noch alles schief? Kinder können das Verhalten der Eltern nicht immer beeinflussen.


Ja, da gebe ich Dir Recht. Neben dem Elternhaus spielen natürlich viele weitere Faktoren eine große Rolle. Das soziale Umfeld, Schule, Vereine, usw.

Wir alle sind als Gesellschaft gefordert, optimale Rahmenbedingungen für Kinder zu schaffen. Das fängt in der Schule an, in der Sport als Unterrichtsfach immer noch viel zu oft ausfällt und geht weiter mit einem mangelnden Spielplatzangebot in unseren Städten. Sportvereine, denen eine zentrale Rolle in der körperlichen Entwicklung von Kindern zukommt, sollten stärker auf eine sportliche Gesamtausbildung der Kinder achten.


Peter Gerfen im TV Interview zum Kindersportcamp


Aber ist es nicht gut, dass Kinder den Weg in einen Sportverein suchen?


Doch, natürlich. Ein Verein kann die Initialzündung für ein sportlich ausgefülltes Leben auch weit über das Kindesalter hinaus sein.

Vereinen kommt hier eine große Verantwortung zu. Leider gibt es hier nicht immer nur positive Beispiele.


Was meinst Du konkret? Könntest Du ein Beispiel nennen?


Ja, folgendes habe ich selbst erlebt als mein Sohn den Wunsch äußerte, in ein „Mini-Minis“ Fußballtraining zu schnuppern.

Ein schlechtes Beispiel: Fußballtraining für Mini-Minis (3-6 Jahre)

· Keine Aufteilung der Trainingsgruppe,

· Keine Übungen, die motorische und koordinative Elemente enthielten.

· Das Training war sehr fußballbezogen (Pässe, Dribblings, Schüsse etc.).

· Die zweite Hälfte des Trainings wurde so organisiert, dass zwei Mannschaften gegeneinander in Wettkampfform Fußball spielten.

Wen wundert es da, dass die „Kleinen“ (3/4 Jahre) von den „Großen“ (5/6 Jahre) überrannt wurden, die Lust verloren und sich anderweitig beschäftigten, das Training abbrachen und vorzeitig nach Hause wollten?

Auf Bitte der Eltern wurde daraufhin das Training in den nächsten Wochen neu organisiert.

Es erfolgte nun die Aufteilung in „Klein“ (3/4 Jahre) und „Groß“ (5/6 Jahre).

Der Trainer der „Kleinen“ versuchte nun, verstärkt spielerische und nicht sportartspezifische Elemente in die Übungsstunde mit einzubauen. Leider waren die Erklärungen zu den Handlungsabläufen so kompliziert, dass die Kinder von der Übungsstunde knapp 90 % (!) der Zeit im Sitzen oder Stehen verbrachten. Der Höhepunkt der Stunde war der Einbau von Liegestützen und Kniehebeläufen! Ein Training, das wir in unseren Bewegungskursen für Erwachsene anbieten.


In Gerfens Kindersportcamps steht auch Fußball hoch im Kurs


Wie endet die Geschichte? Habt ihr daraufhin das Weite gesucht?


Ich unterhielt mich nach dem Training mit dem Trainer meines Sohnes. Es stellte sich heraus, dass sein sportlicher Hintergrund nicht primär Fußball, sondern Kampfsport (Judo) ist. Herrlich, aber warum baute er nicht mehr turnerische Elemente, von denen es im Judo so unzählige gibt, in das Training ein? Ich bedankte mich für sein Engagement und bat ihn, Übungen aus dem Judo kindgerecht in das „Fußballtraining“ zu integrieren.

Er beherzigte meinen Tipp und fortan steigerte sich die Qualität des Trainings und die Kinder hatten viel mehr Freude am Training.

Diese Anekdote zeigt auf, dass es sich durchaus lohnen kann an der einen oder anderen Stelle auch ein wenig Geduld aufzubringen. Sofern, wie in meinem Beispiel, Lernbereitschaft und der Wille zur Qualitätsverbesserung vorhanden sind, sollten Eltern dem Übungsleiter eine zweite Chance geben.

Falls dies jedoch nicht der Fall sein sollte, sollten Eltern in der Tat mit ihren Kindern schnell das Weite suche. Es wäre schade, wenn aufgrund mangelnder fachlicher und sozialer Kompetenz des Übungsleiters Kinder die Freude an der Bewegung oder für eine Sportart verlieren würde.



Ihr habt euch dann also entschieden weiter zu machen?


Nein, am Ende haben wir uns, zumindest vorerst, von Fußball verabschiedet. Wir haben uns nach zweimaligen Probetraining für Handball entschieden. Drei Übungsleiter, jung, aber schon mit reiflicher Erfahrung ausgestattet, garantieren in der Trainingsgruppe eine hohe Betreuungsqualität.

Mein Sohn Jan war von der ersten Übungsstunde an sehr begeistert und auf die Frage seiner Mutter, wie es ihm denn beim Handball gefallen habe, antwortete er: “Mama, das ist kein Handball, das ist Sport.“

Ich würde mir sehr wünschen, dass diesem letzten Beispiel mehr Vereine folgen. Es lohnt sich, über den „Sportartteller“ hinauszublicken und kleinen Kindern primär die Freude an der allgemeinen Bewegung zu ermöglichen und nicht starr auf „Fußball“, „Handball“ oder andere sportartspezifische Sportarten fokussiert zu sein. Die Spezialisierung erfolgt später. Und wenn erst mal Freunde in der Mannschaft gefunden wurden und die Umgebung vertraut ist, werden Kinder eine viel stärkere Identifikation entwickeln und mit Eifer und Freude ihrer Sportart in ihrem Verein nachgehen.

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Das Buch:

Gerfens neuestes Buch „Kinder in Bewegung“ ist ab Mitte Mai im Buchhandel erhältlich und kann bereits vorbestellt werden.


Informationen zu Peter Gerfen:

https://bewegung-petergerfen.de/

https://www.bravespeakers.de/


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